Christian Petzold
Shownotes
Pizza, eiskalter Rosé und ein Roman, der zum Ausgangspunkt für ein ganzes filmisches Denken wurde: Christian Petzold erzählt, wie Anna Seghers’ Exilroman „Transit“ durch seinen Freund und langjährigen Wegbegleiter Harun Farocki zu einer wichtigen Referenz seiner Arbeit wurde. In seinem gleichnamigen Film verlegt Petzold die Geschichte aus dem Marseille der 1940er-Jahre in die Gegenwart und lässt historische Verfolgung und heutige Fluchterfahrungen ineinandergreifen.
Mit Shelly Kupferberg spricht der Regisseur über Wartesäle, Durchgangsorte und Figuren, die aus ihren bisherigen Lebenszusammenhängen gefallen sind. Er erklärt, weshalb Menschen im Exil für ihn zentrale Figuren des Kinos sind und warum Gesellschaften den Blick der Außenstehenden benötigen. Zugleich erinnert er an die Flucht seiner eigenen Eltern aus der DDR und an ihr Gefühl, im Westen nie vollständig angekommen zu sein. Eine Folge über die Gegenwärtigkeit der Geschichte, über Heimatbilder und darüber, wie das Kino Erfahrungen des Wartens, der Unsicherheit und des Unbehaustseins sichtbar machen kann.
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00:00:06: Der Gedanke, den ich mit Exil verbinde ist.
00:00:09: Man muss aufpassen, dass man nicht die Erinnerung oder das Verlorene glorifiziert und andererseits darf man es auch nicht vergessen.
00:00:16: Das sind zur Reismoment im Exil zu
00:00:18: sein."
00:00:20: Sagt Christian Pezolt, den Ich für den Podcast Kaffeexil getroffen habe um mit ihm über Anna-Segers Roman transit Migration in unserer Gegenwart und das Kino als virtuelles Exil zusprechen.
00:00:32: Christian Pezolt ist Filmemacher bekannt für ein Kino, das sich immer wieder mit der deutschen Geschichte und Gegenwart beschäftigt.
00:00:38: Einige seiner bekanntesten Filme seien hier erwähnt Jella, Barbara, Phönix – und eben auch Transit.
00:00:45: Und ich freue mich, dass Sie für dieses Gespräch an unserem Tisch im Café Exil Platz nehmen!
00:00:50: Lieber Christian Pexolt hat sich willkommen.
00:00:52: Hallo!
00:00:53: Ja, guten Tag!
00:00:54: Mein Name ist Shelly Kupferberg, ich bin freier Journalistin und Autorin.
00:00:57: Und spreche in diesem gemeinsamen Podcast der Stiftung Exilmuseum unter Herbert & Elsbeth Weichmann-Stiftung mit Menschen, mit denen wir historisch und gegenwärtige Exilsituationen reflektieren möchten.
00:01:11: Sie kam gerade rein Christian Petzl und sagten, oh Pizza und Rosé genau das serviert heute das Café Exil?
00:01:18: Sie können sich möglicherweise denken warum oder
00:01:22: Ja, es war ja so.
00:01:23: Als ich vierzehn Jahre alt war bekam ich eine Schallplatte von meinem Onkel, der einen Schallplatzenladen hatte geschenkt, Wolfgang Neuss und Wolf Biermann, also Wolf Bierman Ost zu Gast bei Wolfgang NEUS West.
00:01:34: Und da gab's vom Wolfgang neus eine Parodie auf Anna Seegers Mit dem Satz wir lassen Anna Seigers ans Euter Hier stehst du kuh wie dich Bremen in Bremstier leben erschuf.
00:01:46: So eine ganz schwere erdige Sprache.
00:01:50: Anna Segers war für mich das allerletzte.
00:01:52: Ich dachte, es wäre furchtbarst Literatur.
00:01:56: Viele Jahre später fuhr ich zu einem Auswärtsspiel nach Straußberg mit Harun Farokin, meinem besten Freund in seinem Auto und ich zitierte das was ich gerade hier auch von mir gegeben habe von Wolfgang Neuss.
00:02:08: und dann bremste.
00:02:09: der vorrechts Handel sagte ob sich von allen guten Geistern verlassen wäre und dass Anna Seger eine der größten Schrittstellerinnen dieses Jahrhunderts ist.
00:02:16: und ihr Roman Transit, das größte was er hier gelesen hat im deutscher Spargel.
00:02:21: So hat er es wirklich gesagt.
00:02:23: Und dann musste ich nach diesem Spiel zu ihm fahren.
00:02:25: Er gab mir seine Ausgabe von Transit die identisch ist wie die auf dem Tisch liegt und ich sollte das etwas Wochenende lesen.
00:02:34: Von diesem Moment an war dem Roman und der Anasegas verfallen, weil auch ein Gespräch mit dem Harun nach ja die vielen Jahre wo wir dann zusammen Drehbücher geschrieben haben.
00:02:46: Wir jedes Mal vor jedem Drehbuch Transett gelesen haben.
00:02:49: Vor jeder?
00:02:50: Vor jedem Drehrbuch!
00:02:51: Warum?!
00:02:52: Weil die Figur aus der Welt geworfenen, der allen Ballast abgeworfen hat des Flüchtlings, der im Nichtort zu Hause ist, wenn man das überhaupt zuhause nennen kann... ist eigentlich die Kinofigur.
00:03:09: Wir haben dann plötzlich darüber gesprochen, weil sich noch Steve McQueen der The Getaway aus dem Gefängnis kommt hat kein Ort mehr in der Welt.
00:03:17: Menschen, die aus der Gesellschaft fallen, weil sie ausgebeutet und entlassen worden sind Arbeiter oder es betrogen in Liebesgeschichten sind, sind Exzellanten.
00:03:29: Sind umherschweifen und Geister.
00:03:33: Und von diesen Geistern erzählt Transit.
00:03:37: Und so war Transit eigentlich unser im Grunde unsere Referenz für alle unserer
00:03:41: Drehbücher.".
00:03:42: Das ist ja spannend, dass Sie das sagen und wir sollten vielleicht noch mal darauf eingehen.
00:03:46: genau die Erstausgabe Die Deutsche von Anna-Segers Transit liegt hier aus dem Jahr nineteen vierzig ein Porträt von ihr und besagtes Stück Pizza und Rosé.
00:03:58: denn im Buch sitzt der Protagonist immer wieder am Hafencafé in Marseille, in verschiedenen Hafencafés.
00:04:04: Es reicht gerade mal von dem wenigen Geld was er hat eben für Pizza und Rosé.
00:04:10: und beide Dinge kommen auch im Film vor.
00:04:14: es ist keine Verfilmung.
00:04:16: darauf legen sie Wert.
00:04:17: und wenn man den Film sieht dann wird einem auch klar warum Sie darauf so großen Wert legen.
00:04:22: denn Sie haben den Film so konzipiert dass sich die zeitlichen Ebenen verschränken.
00:04:27: das heißt wir schauen ins gegenwärtige Marseilles.
00:04:31: Alles ist modern bis auf die Dokumente, die wir sehen.
00:04:34: Die sind tatsächlich historisch.
00:04:36: Warum diese Entscheidung?
00:04:38: Ich komme kurz in meine Antwort auf die Pizza und den Rosé zurück.
00:04:42: Es war erstaunt dass eine kommunistische Schriftstellerin so sinnlich über die physische Realität schreiben kann.
00:04:49: Und über den Geschmack einer Pizza und über den geschmack des eiskalten Rosés im Roman.
00:04:56: Und ursprünglich hatten Harun und ich mal gesagt, dass wir niemals Transit verfilmt wollen.
00:05:02: Weil es ja unsere Referenz ist.
00:05:03: Die Referenz verfindet man nicht so ähnlich.
00:05:05: Ist das eine Regel?
00:05:07: Mit Goldene oder Drehbuch-Ortorinnen?
00:05:10: Ich habe
00:05:10: es unterschrieben!
00:05:13: Daraufhin haben wir angefangen
00:05:15: ein
00:05:16: Drehbuchtratzin zu schreiben über Transit.
00:05:18: die ersten zwanzig dreißig Seiten waren da schon fertig.
00:05:22: Das war ein historischer Film.
00:05:24: Der spielte dann in Marseille, es war noch so dass Ingmo Engström und Gerhard Teuring einen Film gemacht hatten auch über Transit.
00:05:34: Den kannte ich nicht aber Harun hat an diesem Film wohl mitgearbeitet.
00:05:39: das war eine Art Arbeitsbuch ein Arbeitsfilm über den Roman Transit und über die Wege meistens über den Teil Paris bis Marseilles.
00:05:51: Und ich hatte dann gedacht, okay machen wir das mal historisch.
00:05:55: Ich hatte Phoenix vorher gedreht und dachte, das kriege ich irgendwie hin.
00:05:57: Aber ich habe keinen Lust mehr auf Historische für mich.
00:06:00: Ich kann es aus nicht ertragen, wenn da einer mit einem alten Kostüm noch mit so eine Nebelmaschine rum um den Raum noch rauch zu schwängern.
00:06:12: Wir haben angefangen damit zu schreiben.
00:06:15: Harun ist gestorben, Herzinfarkt gehabt.
00:06:17: Das habe ich aus der Bahn geworfen und auch dieses Projekt Und ich habe dann kurze Zeit später, ein halbes Jahr später auf einer Reise durch Amerika an diesem Buch weitergeschrieben.
00:06:27: Nachts wenn man so einen schlief vor den Motels hab' ich an Transit weiter geschrieben was eine ganz gute Situation war zu schreiben weil das auch... Ja, ich war dem Protagonisten, dem namenlosen Protagonist sehr nahe.
00:06:40: und wenn man an so einem Highway ist, mein Sohn spielte immer ... Wir hast das nochmal dieses Autodeepstahl GTA, GTA spielte der immer.
00:06:51: Und deswegen musste ich immer in solchen Billing-Motels mit dem übernachten zum Billingswimming holen und da hab' ich dann geschrieben.
00:06:58: Dann ist mir dieser mein Computer verbrannt in der Sonne von Nevada.
00:07:05: Ich hatte auch nicht Backups und so gemacht.
00:07:08: Da war mir klar, irgendwas stimmt an der ganzen Geschichte nicht.
00:07:11: Und dann erinnerte ich mich an den Rosé.
00:07:14: Der ist Drama, der Verlust ihrer ganzen Dateien und alles.
00:07:19: Ich dachte ich bin erleichtert.
00:07:20: Ein seltsamer Bezug auf das Thema Exil aber es war eine Erleichterung.
00:07:25: sagen Sie in dem Fall?
00:07:26: Ja vielleicht so ein bisschen.
00:07:27: Das hatte was mit den Protagonisten zu tun.
00:07:29: Der Protagonist hat ja auch seinen Ballast abgeworfen seine Vergangenheit weil Ballast auf der Flucht sentimentalität Und der Erinnerung ist ein Ballast.
00:07:41: Ja, das ist auch eine Wunde, es erinnert immer wieder.
00:07:44: Na gut gezwungenermaßen, das war bei Ihnen Gott sei Dank nicht so...
00:07:47: Man nicht so.
00:07:48: aber ich war irgendwie befreit und wusste immer stimmt an der ganzen Geschichte nicht.
00:07:51: also diese Gegenwertigkeit der Schilderung des Lebens im Marseille.
00:07:56: sehr präzise die Straßen man kann ja alles in Marseilles finden was sie beschrieben hat und diese Gegenwärtigkeit war in diesem Drehbuch was mir da verbranntes nicht vorhanden.
00:08:07: Das war das Buch, das Drehbuch.
00:08:09: eines der das Buch gelesen hat.
00:08:12: und dann habe ich die Stolpersteine in Berlin im Kopf gehabt plötzlich.
00:08:16: Ich hab mit meinem Sohn drüber gesprochen, der immer angehalten hatte bei der Fünfzehn und hat immer gelesen und so was da drauf steht und er dachte die Stölpersteinen sind in der Stadt und es ist Vergangenheit und sie sind gegenwärtig gleichzeitig.
00:08:33: Und da stellte sich so ein merkwürdiger Effekt ein.
00:08:35: Wenn man vor einem Haus steht, in dem vor sechzig-siebzig-achtzig Jahren jemand gelebt hat der dann deportiert worden ist und ungebracht worden ist... ...dann dieses Haus steht da noch und da leben jetzt Menschen drin!
00:08:50: Ja?
00:08:50: Und man hat aber den Namen und Geburtsdatum und Deportationstermin hat man dann von dem Haus war der merkwürdig effekt der dass unsere Gegenwart gespenstisch wird.
00:09:02: Das war das, als ob wir hier ein Geisterleben führen.
00:09:07: Und da dachte ich, dass ist eigentlich eine Balance oder eine Komplexität die mir für diesen Kino nahekommt.
00:09:16: Lassen Sie uns gleich weiterer reden.
00:09:19: bevor wir über Ihren Film und die Rolle des Kinos in Bezug auf das Thema Exil zu sprechen kommen wollen wir aber noch mal Segers Roman zu Wort
00:09:27: kommen lassen.
00:09:29: Der Teil des Cafés, in dem wir saßen, stieß an die Cannebière.
00:09:32: Die Gesichter der Menschen, die durch die Drehtür hereinkamen waren gespannt von Wind und von Unrast.
00:09:38: Kein Mensch bekümmerte sich um die Sonne über den Meer, um die Zinnen der Kirche Saint-Victorch – um die Netze, die auf der ganzen Länge des Hafendamms zum Trocknen lagen.
00:09:46: Sie schwarzten alle unaufhörlich von ihren Transits, von Ihren abgelaufenen Pässen, von drei Meilenzune & Dollarkursen, von Visa de Sortie und immer wieder von Transit!
00:09:57: Es war uraltes Hafengeschwetz, so alt wie der alte Hafen selbst und noch älter.
00:10:03: Wunderbarer!
00:10:04: Uralter Haftraatsch, der nie verstummt ist solange es ein mittelländisches Meer gegeben hat – finnitsischer Klatsch und kretischer griechischer Traatsch & römischer.
00:10:14: Niemals waren die Traatscher alle geworden Die Bange waren um ihre Schiffsplätze und um ihre Gelder Auf der Flucht vor allen wirklichen und eingebildeten Schrecken der Erde.
00:10:25: Mütter, die ihre Kinder – Kinder, die Ihre Müttern verloren hatten.
00:10:29: Reste aufgerebener Armeen, geflohene Sklaven aus allen Ländern verjagte Menschenhaufen, die schließlich am Meer ankamen, wo sie sich auf die Schiffe warfen um neue Länder zu entdecken, aus denen sie wieder verjagt wurden.
00:10:43: Immer alle auf der Flucht vor dem Tod in den Tod.
00:10:48: Hier mussten immer Schiffe vor Anker gelegen haben genau an dieser Stelle Weil hier Europa zu Ende war und das Meer hier einzahnte.
00:10:58: Ich fühlte mich uralt, Jahrtausende alt weil ich alles schon einmal erlebt hatte Und ich fühlten mich blutjungen Begierig auf Alles was jetzt noch kam!
00:11:08: Ich fühltemich
00:11:08: unsterblich
00:11:11: Doch dieses Gefühl schlug abermals um.
00:11:14: Es war zu stark für mich.
00:11:15: schwachen Verzweiflung überkam
00:11:18: mich
00:11:18: Verzwaiflung und Heimweh.
00:11:22: Was mich beim normalen Schauen des Filmes doch sehr beeindruckt hat, ist die Atmosphäre.
00:11:27: Die kreieren eigentlich auch mit sehr wenigen Worten und mit einer Offstimme aus dem Roman... von Anna Segers Transit tatsächlich auch liest.
00:11:37: Das ist Matthias Brand, ansonsten sehen wir Franz Rogowski und Paula Beer vor allem in den Hauptrollen.
00:11:44: dieses Abwarten, dieses Paranoide bei jedem Geräusch, bei jeder Bewegung sich umdrehende.
00:11:50: könnte das eine Verfolgung sein?
00:11:52: Könnte es eine Ratia sein die absolut gegenwärtig auch daherkommt in dem Film?
00:11:59: dieser Zustand des Abwartens Unbehaustseins, dieses Unterwegsseins.
00:12:04: Dieses Verzweifelseins beschreibt Anna Segers auch sehr stark in ihrem Roman.
00:12:10: Würden Sie es noch mal in andere Worte packen und wir haben sie es tatsächlich geschafft diese Atmosphäre filmisch zu übertragen?
00:12:17: Ja, der... Es ist ja in dem Sinne kein Erzähler.
00:12:22: also der Matthias Brandt, der die sogenannte Voice Over spricht.
00:12:25: Ist hat ... ist ja eine Figur im Film.
00:12:28: Ein Protagonist!
00:12:29: Der Barkeeper.
00:12:30: Im Restaurant.
00:12:31: Und ich glaube, dass wir die Welt immer... Wir brauchen in der Welt Außenstehende.
00:12:40: Wir brauchen auch Exilanten!
00:12:42: Wenn wir in unseren Verhältnissen leben, glaube ich das wir den Blick von außen brauchen.
00:12:48: und die Stadt Marseille wird auch von außenerzählt durch die Exilanden und die Geschichte des Protagonisten kann auch nur von Außen erzählt werden nämlich von einem Barkeeper.
00:12:59: Der Barkeeper hat keine eigene Identität, keine Biografie.
00:13:04: Man weiß nicht woher kommt welche Nationalität er hat aber es ist der Außenstehende Erzähler von er überbringt das diese Geschichte und dieses Matoskript des Schriftstellers der sich umgebracht hat der Nachwelt.
00:13:18: Das war mir wichtig.
00:13:20: die gesamte Begriff Transit Den habe ich wörtlich genommen, architektonisch und räumlich.
00:13:28: Dieses Restaurant haben wir... Das gibt es ja da auch.
00:13:31: das Restaurant was in dem Roman auftaucht ist jetzt leider McDonald geworden.
00:13:35: Da konnten wir nicht drin drehen aber ein paar Häuser weiter war eine ähnliche Pizzeria Und die haben wir dann zu unserer Pizzeria gemacht, die Romanpizzerie.
00:13:45: Und da haben wir darauf geachtet zum Beispiel das es im Hinterraum einen S-Raum gibt und es gibt vorne an der Theke ein kleinen S-Raum so dass dieser S Raum vorne an den Theken also der Restaurantbereich in der Thecke ein Transitraum ist.
00:13:59: Wir haben drauf geachtet dass alle Räume zwei Fenster haben.
00:14:03: Wir haben, dass es immer zwei Türen gibt.
00:14:05: Dass wir also immer in einem Durchgang sind.
00:14:08: Transit ist ja nicht... ...ist ein Übergang.
00:14:10: Wir
00:14:10: haben so transitwörtlich gemacht, tatsächlich auch eine Umsetzung?
00:14:12: Weil
00:14:13: das auch wichtig ist für den Film natürlich aber auch für die Darsteller dieses, dass wir nicht hier im geschlossenen Raum sitzen.
00:14:23: Wenn wir hier in einem durchgangsraum in einer Boarding Zone sitzen würden wäre das was anderes.
00:14:29: Ich hatte dann den Schauspielern einen Text von Marc Augé vorgelesen über Nichtorte.
00:14:35: Und da erzählt er, Marc Augés war ein Mann der in Paris im Flughafen Charles de Gaulle sein Koffer abgegeben hat und nur noch seine Visa-Karte oder Geldkarte und seinen Pass und nur nach einer Jacke.
00:14:54: Er geht in den Boardingbereich und hat nichts mehr, außer Geld und eine Passidentität.
00:15:02: Und er fühlt sich völlig befreit von jeder sozialen Verantwortung.
00:15:08: Er setzt sie ins Flugzeug und fliegt über die Welt ohne Kontakt zu der Welt.
00:15:13: Er dringt und lässt sich ein Drink machen in der Business Class usw.
00:15:17: Die einzige Einschränkung ist, sie fliegen kurz über Saudi Arabien Und in diesen zwei Stunden Flugzeug über Saudi Arabien wird kein Alkohol am Bord ausgeschenkt.
00:15:24: Das ist die letzte Referenz an die Wirklichkeit und dieses Entfindet, diese Figur wie eine neue neokapitalistische Figur entfindet das als Befreiung.
00:15:36: Die Figur in Anna-Sägers Transit ist auch jemand der ein bisschen befreit ist.
00:15:44: Komplexe und Großartige, dass sie jetzt nicht einen Opfer da schildert.
00:15:49: Wie wir das hier auf politischem Italienalen Downs bekommen?
00:15:52: Die eigene Geschichte ist eigentlich als exzellant dahin.
00:15:56: Sie trifft ganz viele die ihre Geschichte erzählen wollen der Dirigent, die Architektin.
00:16:02: Der trifft diese Menschen und sagt, die langweilen mich.
00:16:07: Er kriegt da manchmal so einen ganz kleinen Erinnerungsschub, als ob das sie ganz tief hinten in seiner Hirnschale liegt.
00:16:13: An die Mutter, an den Klang eines Kinderliedes oder sowas.
00:16:17: Das habe ich dann im Film auch benutzt.
00:16:20: aber es ist nicht so dass es eine Sehnsucht nach Hause gibt sondern es gibt eine Seahnsucht durch die Liebe irgendwo vorankert zu gehen aber diesen ganzen Ballast unserer Existenz abgeworfen zu haben.
00:16:32: und so ist diese Figur nicht nur Ein Opfer, ein Opfer des Nationalsozialismus und der Fluch.
00:16:38: Der kommt ja aus dem Konzentrationslager sehr abgehauen, sondern erst auch gleichzeitig jemanden in dieser Existenz als Flüchtling etwas Utopisches sieht.
00:16:50: Etwas Utopisches vielleicht auch?
00:16:52: Ein Moment der Möglichkeit sich selbst neu zu erfinden – das ist jetzt sehr positiv auf... ausgedrückt.
00:16:58: und ich finde es auch absolut legitim, dass man Exilen mit solcherlei Gedanken verbindet.
00:17:03: Klar, ballastlos werden ein neues Leben anfangen allerdings ein Leben mit so vielen Ungewissheiten und ein Leben in dem man sehr viel Willkür ausgesetzt ist.
00:17:16: der Film endet auch wirklich tragisch muss man sagen ja und man fiebert als Zuschauer doch mit, was mit diesen Figuren passiert.
00:17:26: Ob sie es schaffen rauszukommen und aus dieser Falle?
00:17:29: Denn die Nazis rücken immer weiter vor sind schon in Avignon Und dann gehen die Razzien eben auch in Marseille los.
00:17:36: Sie haben schon gesagt wie Englid Zusammenarbeit mit Harun Farouki für sie war dem der Film auch gewidmet ist Der dann verstarb ein wichtiger Mentor für sie und eben Kollege.
00:17:49: Ich möchte Sie fragen Christian Petzold Inwiefern sind Sie denn mit Geschichte von Flucht und Exil groß geworden.
00:17:55: Sie spielten in ihrer Familie oder in der Umgebung eine Rolle?
00:18:02: Meine Eltern sind Flüchtlinge aus der DDR, sie ist noch vor dem Bau der Mauer geflohen aber es war eine Flucht.
00:18:09: Sie waren auch im Lager und dann haben sich kennengelernt in einem, damals hieß das nur nicht Containersiedlung sondern Barakensiedelungen Weil es wurden ja Arbeitskräfte im Westdeutschland gesucht und mein Vater kam aus einem Ruhrgebiet, der hatte da irgendwie einen Bergwerker arbeitet.
00:18:25: Meine Mutter war Laborantin in einer Firma zwischen Wuppertal und Düsseldorf Und dann haben sie sich da irgendwie kennengelernt.
00:18:33: so eine Parkensiedlung beim Tanzen glaube ich kurz Zeit danach ist dann auch nicht dann geboren worden.
00:18:40: und die Die Flucht das meine Eltern flüchtlinge waren hatte diesen geflohen weil sie.
00:18:49: Meine Mutter liebte.
00:18:50: Elvis Presley, mein Vater liebten amerikanische Autos.
00:18:53: Das war der ganze Grund.
00:18:55: Die wollten die DDR... Also gar nicht mal
00:18:58: politisch im eigenen Sinne oder im engsten Sinne?
00:19:00: Ja, sie waren natürlich Antikommunisten weil Sie den Kommunismus der DDR kennengelernt hatten mit FDJ und dem ganzen Zeug.
00:19:06: aber sie waren nicht... Grundum wollten sie sich endpolitisieren.
00:19:11: Die haben auch Ballast abgeworfen Und wir lebten aber in so einer Sichtelung am Rande der Stadt, diese neu gebaute Neubausiedlung und die Straßen dort hatten.
00:19:21: Die Straßen haben einen Namen von den verlorenen Ostgebieten Breslauerstraße.
00:19:26: So hießen sie Stettiner Straße Danziger Straße.
00:19:32: Da merkt man schon dass meine Eltern waren.
00:19:36: in dieser Kleinstadt, die ja wirklich muffig und klein war, waren meine Eltern auch nicht richtig willkommen.
00:19:43: Oder Sie haben das Gefühl gehabt, nicht richtig willkommen zu sein.
00:19:46: Sie nahmen nicht an irgendwelchen Vereinen teil.
00:19:49: Als ich dann zur Schule kamen kann die nie zu irgendwelche Elternversammlungen.
00:19:53: also sie haben sich aus all dem Organisation im Westen verankerlten weil...
00:19:57: Das ist auch eine Frage der Teilhabe.
00:19:58: letztlich und Teilnahme ne?
00:20:00: Ja, die haben ... Ich wusste nicht genau warum sie nicht teilnehmen aber meine Mutter hat mir dann erzählt weil sie sich geschämt haben.
00:20:08: Also die waren sich geschämt.
00:20:09: Die anderen Waren wussten alle wer sie sind Aber meine Eltern waren Flüchtlinge.
00:20:13: Das war einfach klar.
00:20:15: Es war auch so, dass mein Vater das Sächsische, was er als Zwickauer gesprochen hat und meine Mutter das Sudeten-Deutsch-Türing-Schiff, was hier in sich hatte, vollkommen abgelegt haben.
00:20:24: Die haben einen Hochdeutsch gesprochen um Herkunft von sich abzuschneiden und nicht erkennbar zu machen.
00:20:30: Und so wusste ich auch, dass irgendwas stimmt ja nicht.
00:20:34: Es ist nicht so vergleich mit irgendwelchen Flüchtlingen aus dem zweiten Weltkrieg.
00:20:37: Ich will nur sagen ... dass die Geschichte nicht ganz zu der Welt zugehören, ein bisschen fremd in der Welt sein.
00:20:43: Deshalb die Welt auch anders zu betrachten.
00:20:46: eine ist, die stimmt mir bei der Lektüre von Anna Segers sehr ... Sie konnte ich sehr nachvollziehen.
00:20:52: Kann
00:20:52: ich mir auch vorstellen.
00:20:53: aber wann haben sie angefangen tatsächlich auch die Tragweite einer solchen Geschichte wie der der Eltern zu verstehen?
00:21:01: Ja, neunzeigundneunachtzig Da war ich hier in Berlin, an der Braunholmer Straße auf einer Party.
00:21:06: Ich war gerade an der DFFB angenommen worden und da gab es eine Party hier.
00:21:10: Wir feierten das erste halbe Jahr sehr viele Partys glaube ich Und dann hörten wir dass die Mauer gefallen ist und dann sind wir jetzt zur Brücke gegangen von der Braun-Holmer Straße.
00:21:19: Dann kamen die man zum Massen und da habe ich gemerkt wie erschüttert und berührt dich war.
00:21:25: Also ich kannte, wir fuhren jedes Jahr in die DDR.
00:21:28: Sie haben
00:21:28: also was wieder erkannt auf eine Weise?
00:21:30: Irgendwas, was wir aus den Geschichtserzählungen der Eltern kannten oder...
00:21:34: Ich war ja schon zehn, zwölf mal an der DDR gewesen mit meinen Eltern.
00:21:37: Meine Eltern fuhre nach Willy Brandt, weil der wichtigste Mensch für ihren Leben.
00:21:41: Weil er die Tür geöffnet hat und wir fuhren seit den Ostverträgen.
00:21:46: Fuhren wir jedes Jahr am Sommer drei Wochen in die DDR.
00:21:48: Also ich kante alle meine Cousins, es hatte etwas Geisterhaftes weil wir dieselbe Sprache sprachen und trotzdem vollkommen verschiedene Menschen waren.
00:21:57: Und das war aber trotzdem interessant, ne?
00:22:01: Wenn wir dann abgefahren sind – ich weiß noch meine Oma hatte ja zum kleinen Hof gehabt – so eine Gaststätte, da war ein Umspannwerk für Pferde, für Kutschen ….
00:22:10: und wenn wir mit dem Zug von Sitzendorf Richtung Rudolfstadt so gefahren sind… zur Abreise.
00:22:18: Dann stand sie immer unten, wir fuhren dann oben am Tal entlang und unten im Tal war meine Oma mit so einem Laken.
00:22:24: Hat die das so?
00:22:25: Riesiges Bettlaken zum Wiedersehen!
00:22:26: Und dann weinte meine Mutter und wir weinten alle und deshalb war dieses neunundachtzig, dass die Mauer gefallen ist hat mich so berührt weil ich dachte es ist jetzt vorbei.
00:22:38: Wir können uns jetzt richtig sehen und wir können uns alltäglich besuchen.
00:22:43: Das ging aber auch Hörte auch bald auf, weil der Rassismus mit ihnen über die Bronholmer Straße gekommen ist.
00:22:48: Ja
00:22:49: das kann man so sagen.
00:22:50: Auch so Glichtenhagen, Möllen, Solingen.
00:22:51: was dann alles passiert?
00:22:52: Schon an dem Abend war das so.
00:22:54: Die kamen da hoch und werden meine Frau hier eingeladen mit auf die Party drei Leute.
00:22:59: Und der erste Satz... Die Mauer war zwei Stunden vorher gefallen.
00:23:02: Der erste Satze war echt super hier aber echt viele Ausländer.
00:23:05: Da dachte ich mir, oh könnte Probleme geben!
00:23:08: Wer sie
00:23:08: uns wollte konnte es sehen.
00:23:09: diese Erfahrungen habe ich auch machen müssen.
00:23:12: Ich möchte nochmal ganz gerne zurück auf den Film Transit.
00:23:16: Kommen Christian Petzold, sie sind im Zuge des Projekts auch Anna Seegers Sohn begegnet habe ich gelesen Perat Vanyi Wie hat der denn eigentlich auf die jetzt sage ich mal Adaption nicht verfilmt?
00:23:27: Das haben wir ausdrücklich hier nochmal geklärt.
00:23:29: aber wie hat er auf diesen film reagiert?
00:23:33: das war in Paris Ich glaube im Heinrich-Heinesal oder so was an der Universität Und ich ging da rein und es war voll.
00:23:45: Der Film lief, und ich sollte nachher auf die Bühne gehen.
00:23:48: Und dann sagte mir die Verleiherin ihre Regine und sie sagte mir da sitzt der Sohn von der ersten Reihe von Anna Segers und dann ist mir das Hemd in die Hose gerutscht.
00:23:59: Das
00:23:59: kann nicht verstehen!
00:24:01: Erstmal so... Die Anna Seger war in Marseille mit ihren Kindern alleine.
00:24:06: Die musste sich um die Kinder kümmern, ihr Mann war in einem Lager.
00:24:12: Sie musste auch gleichzeitig noch arbeiten und sie war eine der überfordertesten Frauen, die man sich vorstellen kann.
00:24:20: Und die hat das geschafft daraus zu kommen und ihre Kinder zu retten und ein Roman zu schreiben und nach Amerika oder Mexiko zu gehen.
00:24:29: Einer der Söhne war ja mit ihr in Marseille und er sitzt jetzt da vorne die ersten Reihe.
00:24:33: Und ich mache da irgendwie so eine Geschichte, verkürzt ihn auch und nehmt unheimlich viele Sachen raus und fang noch mit Hans-Tito Hüschliedern an und so, die ich da eingebaut habe und lass das im heutigen Marseill spielen.
00:24:43: Ich hab mir gedacht, es könnte sein, dass er sagte was soll das?
00:24:47: So!
00:24:48: Das war absolut das Gegenteil.
00:24:50: Der Mann, doch der war schon... Da hatte so riesige Schuhe an, weil er geschwollene Beine hatte.
00:25:00: Ich habe immer auf die Filzschuhe geguckt und dachte mir, der ist aber nett zu mir mit diesen Riesenschuhen hätte mich auch treten können.
00:25:09: Der hat aber dieses Gefühl in dieser Szene wenn er den kleinen Jungen das Radio repariert.
00:25:21: Sie haben da noch mal so eine Mutter, Sohn Geschichte eingebaut aus dem Maghreb kommend auch irgendwie Geflüchtete oder zumindest Menschen die irgendwie in der Illegalität leben.
00:25:32: Diese Rolle haben sie da eingepflanzt in den Filmen?
00:25:34: Ja weil ich dachte es ist ja so das Masse ist ja wahrscheinlich die interessantste Stadt der Welt sag' ich mal so einfach man muss manchmal...
00:25:42: Weil sich hier so vieles mischt
00:25:45: Ja, und weil in Marseilles kann man erstmal ist die Stadt Marseille den handelt das Gefühl der Tourismus zerstört Venedig Barcelona und Teile von Kreuzberg.
00:25:57: Aber in Marsee hat der Tourist nicht die geringste Chance.
00:26:00: Wir hatten das Gefühl die Stadt nimmt den Tourismus wie so ein Schulterzucker ist okay, aber ihr verschwindet ja bald wieder.
00:26:13: Und wenn man durch Marseille geht sieht man die Zerstörung, die die Deutschen angerichtet haben als in dem alten Viertel wo der Widerstand war alles zu bomben haben.
00:26:22: Man sieht aber auch wie schön die neuen brutalistischen Zementbauten der Franzosen sind.
00:26:28: Man sieht das wichtigste war für uns dass diese Festung, die einmal gebaut worden ist um Angriffe über das Mittelmeer abzuwehren, durch eine neue Konzeption des französischen Rekultursenats haben die das transparent und offen gemacht.
00:26:46: die Leute aus dem Meer auf, wollen sie nicht mehr abwehren.
00:26:50: Und während wir das gebaut haben, fing dieser ganze Migrationsrassismus wieder an, so den wir heute noch wieder leiden und als ich das mir angeguckt habe, dachte ich, ich muss in dieses Drehbuch auch die Geschichte reinbringen der modernen Migranten.
00:27:05: Aber jetzt nicht ... Vielleicht
00:27:07: noch kurz im Jahr... ...kurz, ist der Film rausgekommen also kurz nachdem so viele Menschen aus Syrien zum Beispiel zu uns kamen, weil diese genannte Sofern.
00:27:16: haben Sie da wahrscheinlich auch nerf noch mal getroffen damals?
00:27:19: Ja,
00:27:19: ich wollte es aber nicht mit dem Fingersang.
00:27:22: Damals und so und heute und das ist nicht dasselbe.
00:27:25: Aber die Orte... Ich habe mir immer so vorgestellt, dass sich die Städte die Menschen angucken.
00:27:34: Marcel guckt sich an was da passiert ist Und sie schaut sich an, guck mal, ich hab damals das gemacht und jetzt mach dir das.
00:27:42: Die Städte schütteln so ein bisschen Kopf und sagt, sag mal was ist mit euch Menschen Doris?
00:27:46: Ihr seid zu schlecht ausgestattet!
00:27:48: Das ist eine sehr
00:27:48: gute Vorstellung.
00:27:49: ja wenn man so die Welt betrachten würde käme man ganz schnell darauf.
00:27:53: vielleicht nochmal kurz zu dem Sohn von Anasegers Pierre Radvani der eben sehr begeistert war weil er den Nerv des Zeitgefühl getroffen sah in ihrem Film.
00:28:04: Hat er Ihnen irgendwas noch mal mitgeben können über seine Zeit im Exil als Kind?
00:28:09: Hat er sich an irgendetwas erinnert, was hat er Ihnen erzählt?
00:28:14: Ja ich war ja vorne auf dem Podium und es ist ein fünfundneunzig Jahre alter Mann der der ersten Reihe des Publikums saß.
00:28:20: Ich konnte ihn kaum verstehen.
00:28:22: Er kann kein Deutsch mehr Und da habe ich jetzt... Ich hab mit ihm kurz gesprochen Lüßing-Golzsch mit.
00:28:32: Ja, das ist ein Judele mit Kindertransport.
00:28:34: Er ist in die Schweiz gekommen und der kein Deutsch mehr sprechen konnte.
00:28:39: Und erst als er sich erinnerte an seine Zeit, als er ohne Eltern, deren umgebracht worden sind in Deutschland... Als er sich herinerte an seiner Zeit in diesem Internat wo er sie versteckt hielt oder versteckt gehalten worden ist hat er wieder angefangen... zu sprechen.
00:28:58: Darüber habe ich mich mit ihm unterhalten und hab ihn gefragt, ob er sich vorstellen könnte, wenn er seine Zeit im Marseille erinnert?
00:29:06: Ob er diese Erinnerung, ob die in Deutsch wäre oder in Französisch?
00:29:09: Eine gute Frage.
00:29:10: Konnte er sich erinnern?
00:29:11: Er sagte Ich kann mich nicht so stark an dieser Zeit erinneren weil mir die Sprache dazu fehlt.
00:29:16: Das fand ich nämlich ein interessantes Satz.
00:29:18: Der wurde immer übersetzt, weil ich ja kein Französisch kann, wusste er es.
00:29:21: übersetzen, wenn das dauert ist stutz.
00:29:22: Ein starker Satz, den man auch metaphorisch sehen könnte... Was würden Sie sagen?
00:29:28: Christian Petzoldt verbinden Sie mit dem Begriff Exil seit sie sich noch mal so intensiv damit auseinandergesetzt haben.
00:29:35: was für einen Zustand beschreibt das Exil im physischen wie auch im mentalen Sinne.
00:29:39: Sie haben gesagt ballast abwerfen dass wäre vielleicht positiv formuliert gleichzeitig eben Das Transithafte, der Durchgang.
00:29:47: Unorte sind ja auch schon gefallen.
00:29:49: und wenn Sie sagen, der Roman-Transit von Anna Segers ist ein Referenzraum für sie geworden – für alles was Sie machen!
00:29:56: Wie hat sich Ihr Blick auf Exil tatsächlich nochmal geschärft oder verändert?
00:30:01: Ich finde das Exilanten.
00:30:03: es gibt ja diese ganz viele fantastische Literatur von deutschen Exilanden die nach New York gegangen sind und sich da als Exilanten getroffen haben.
00:30:16: Und die Anna Seegers konnte das nach langer Zeit nicht mehr ertragen, weil diese Exilanden im Grunde genommen ihre Heimat an diese sich erinnern, die sie verloren haben wird paradiesischer und paradiesicher.
00:30:28: Deshalb ist der Gedanke den ich mit Exil verbinde ist man muss aufpassen dass man Die Erinnerung oder das Verlorene glorifiziert und andererseits darf man es auch nicht vergessen.
00:30:40: Das ist ein Zerreißmoment im Exil zu sein, also man kann ja erkennen an den Sopranos die dann der besten Fernseh in aller Zeiten war.
00:30:49: Kann man erkennen was aus Exil Italienern wird wenn sie als katholische, die vergöttern ja Italien ihre Herkunft aber wenn sie nach Italien kommen... Sie finden
00:30:59: sich etwas anderes vor.
00:31:00: Wenn sie die Deppen dort machen lustig über sie.
00:31:04: So ein wenig ist das ja auch mit diesen deutschen Exzellanten, die sich da eine eigene Zeitung gemacht haben und so.
00:31:11: Die Zeit anhalten wollen!
00:31:12: Ich hatte den Schauspielern damals noch einen Gedicht von Brecht vorgelesen wo Brecht mit der amerikanischen Armee wieder nach Deutschland einrückt und sagt es ist das Land... Das ist die Sprache, die ich spreche.
00:31:27: Es ist das Land was mir das Sehen beigebracht hat und dass sich zurückkomme.
00:31:33: Und gleichzeitig ist das land was von den Bomben zerstört wird.
00:31:36: also Ich wünsche dem land den tot weil es weil es mir keine heimat gewesen ist und gleichzeitig tut mir das Sterben dieses Landes weh.
00:31:46: Ja,
00:31:46: und sie haben was ganz Wichtiges gerade angesprochen die wahre Konfrontation mit der ehemaligen Heimat oder dem was man als Heimat empfunden hat.
00:31:54: ich würde sagen Exiles eigentlich ein zweifacher Verlust.
00:31:57: einmal tatsächlich daraus schmiss die Flucht du verlierst dein Land deine Heimat dein Zuhause.
00:32:04: wenn Du dann wiederkehrst findest Du das land dass Du so ersehnt hast in deinen nostalgischen Gedanken kreiert hast, nicht mehr vor.
00:32:12: Und wir wissen auch von der Heimkehr der Unerwünschten also Adorno und vielen anderen Indirektuellen genau die dann kamen die eben gespürt haben wie tief der Antisemitismus noch verwurzelt war, wie unerwünscht sie waren.
00:32:29: Weil Sie an das erinnert haben was man schleunigst eigentlich verdrängen wollte ja diese unschöne Zeit der Nazi-Zeit und so weiter und sofort.
00:32:36: aber die im Exil blieben.
00:32:38: im übrigen dachte ich auch die ganze zeit exil oder asyl.
00:32:42: über was sprechen wir eigentlich wenn wer über diese zustände sprechen?
00:32:45: das klingt so anders.
00:32:47: exil hat immer im deutschen für mich fast diese nostalgische note ja wir denken an intellektuelle brechen Und Leon Freuchtwanger und was weiß ich, die Manns, die dann ins Exil ging.
00:32:59: Wenn wir allerdings über Asyl sprechen, dann haben wir glaube ich ganz andere Bilder im Kopf.
00:33:03: Es gab da früher am Paulinke-Ufer die Kneipeexil, ne?
00:33:07: Das ist eine ganze legendäre Kneipe.
00:33:10: Also ein Restaurant war das so!
00:33:12: Und wenn man gerne in ein Restaurant geht als Exil heißt... Da ist das wahrscheinlich so beliebt vom Namen auch her weil man dort auch dem Ballast an der Tür abgeben kann.
00:33:23: Man trifft sich dort die Leute, die dort trinken und essen.
00:33:26: Da fragt keiner wo kommst du her?
00:33:28: Das ist ein schöner Gedanke dass man einfach so gegenwärtig da ist.
00:33:32: wenn dieser Laden Asyl heißen würde dann würde ich denken dahinter is die Irrenanstalt oder das Krankenhaus.
00:33:39: in dem Wort asyl steckt eigentlich schon die Behandlung des Exilanten aus seiner Freiheit Die auch positiv sein kann hin zu Unfreiheit.
00:33:50: und deshalb ist Asyl und Exil vollkommen verschiedene Worte, die sich nur so ähnlich klingen.
00:33:55: Sehr unterschiedlich konnotiert und wir leben in einer Zeit, wer hätte das gedacht wo es so viele Geflüchtete gibt wie noch nie zuvor?
00:34:02: Historisch auch das ist erschreckend.
00:34:05: welche Forderungen haben sie an die Politik?
00:34:07: Wie muss mit Exil Asyl geflüchteten umgegangen werden?
00:34:11: Ich habe mir vor zwei Tagen hab ich mir eine Talkshow angeschaut einfach mal so reingeguckt Und da saßt ja Boris Palmer dem alle immer für den rechten Grün halten, seinen Prokationswörtern, N-Wörtern.
00:34:27: So antisemitischem Zeug, was da auch rauspursah und macht er auch glaube ich auch um so ein Landstellungsmerkmal, so Michael Kohl Hass des Diskurses zu sein.
00:34:37: Aber er sagte, wir müssen ja jeden aufnehmen.
00:34:41: Jeden!
00:34:41: Das ist unsere Aufgabe.
00:34:43: Und das fand ich interessant, wie er es sagte.
00:34:46: Ich finde dass der faschistische Backlash Immer über die Migrationsgeschichte läuft, immer über die Abwehr des Fremden.
00:34:53: Dass wir die Exzellanten, dass wir die Flüchtigen hassen.
00:34:58: Als sie aus den Deutschen plötzlich eine Willkommenskultur wurde – die war sehr kurz da!
00:35:06: Die hat die Rechten sehr erschreckt, in der Unwirklichkeit ihrer Städte und ihre Unfähigkeit zu trauern, plötzlich am Bahnhof in München stehen und die Leute begrüßen.
00:35:20: Da haben sie rechten Angst gekriegt vor ihrem Volk und haben es auch sehr schnell wieder aus der Welt geschafft.
00:35:26: aber ich glaube dass diese Willkommenskultur damit zu tun hat das die Deutschen alle Flüchtlinge sind.
00:35:32: Sie sind geflüchtet in Verdrängung, aber auch wie meine Eltern z.B.
00:35:37: von Ost nach West und deshalb oder die ganzen Sudeten-Deutsche Geschichten nur die Heimatvertriebenen und all das, dass alle diese Ängste und die tief abgelegt sind in den verschiedensten Generationen, dass die eigentlich einen Ausdruck in diesem Willkommenswochen gefunden haben.
00:35:55: Und ich finde es ist jetzt Das geht es über England, über Verrasch und über die Niederländer.
00:36:02: Und all diese offene Gesellschaften verschließen sich über die Abwehr des Flüchtigen.
00:36:08: Es ist ein Dreh-und Angelpunkt in allen politischen Debatten da gebe ich Ihnen recht.
00:36:12: Jeder Folge unseres Café Exil Podcasts gibt's.
00:36:15: am Ende noch ein paar sogenannte letzte Fragen.
00:36:18: Christian Petzold sind Sie bereit?
00:36:21: Ihr Lieblingsgetränk im CaféExil?
00:36:24: Ich
00:36:24: muss sagen durch den Roman bin ich ein Rosetränker geworden.
00:36:27: Sehen Sie mal, wer hätte das gedacht?
00:36:28: Ja.
00:36:28: Das liegt auch daran, dass ich da das Bullspielen gelernt habe, die Tong-Spielen im Marseille und da trinkt man immer eiskalten Rosé bis man nicht mehr gut werfen kann.
00:36:39: In oder Ausland?
00:36:41: In oder aus Land?
00:36:42: Ich würde es dialektisch beantworten.
00:36:44: Es ist innenlandem Ausland und das Ausland dem Inland.
00:36:46: Zu Hause oder unterwegs sein?
00:36:49: Zuhause.
00:36:51: Und die Fremde isst?
00:36:53: Die Fremd ist wunderbar wenn man wieder zuhause ist.
00:36:57: Exil ist?
00:37:00: Exil, man kann sagen der Normalzustand.
00:37:04: Das sagt Christian Pezold.
00:37:05: Vielen Dank für das Gespräch!
00:37:22: im Café Exil.
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